Seht, das Lamm Gottes,
das die Sünde der Welt hinwegnimmt

2. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr A



Halleluja. Halleluja.
Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.
Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.
Halleluja.







+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes
In jener Zeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte:
Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.
Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekannt zu machen.
Und Johannes bezeugte:
Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft.
Das habe ich gesehen. und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes.





Liebe Schwestern und liebe Brüder,

Johannes ist der Rufname meines Sohnes. Meine Frau und ich haben diesen Namen vor nun bald sieben Jahren gewählt und uns damals gefragt, welcher Johannes der Namenspatron sein und wann unser Sohn nun Namenstag haben soll. In der engeren Wahl hatte meine Frau den Johannes den Täufer und ich den Johannes den Apostel und Evangelisten. Am 24-Juni feiern wir Johannes den Täufer und am 27-Dezember den anderen Johannes. Und heute können wir an diesem großartigen Evangelium sehen, warum meine Frau und ich damals diese Frage stellten und über eine Lösung diskutierten.

Heute berichtet Johannes, der Apostel und Evangelist in seinem Text über Johannes den Täufer. Der Johannes, von dem die Kirche annimmt, das er der ist, der mit „der Lieblingsjünger“ bezeichnet wird, schreibt über den Johannes, der Jesus voraus ging und rief: „Ebnet ihm die Wege“. Der Johannes, der auch unter dem Kreuz noch bei Jesus geblieben und nicht weg gerannt ist – wo war eigentlich der Petrus damals; der Johannes also, der in der Todesstunde bei seinem Herrn und Gott geblieben ist, schreibt über den Johannes, der das Kommen Jesu angekündigt hat. Der Johannes, der in großartiger Weise seine Erlebnisse mit dem Herrn Jesus Christus aufgeschrieben hat, schreibt über den Johannes, der mit einem Gewand aus Kamelhaaren und einem ledernen Gürtel um seine Hüften bekleidet war, der Heuschrecken und wilden Honig auf seiner Speisekarte stehen hatte und das Volk zur Umkehr aufrief.

Zwei Mal Johannes und es scheint, als wären es grundverschiedene Typen, und dennoch, eines haben sie auffallend gemeinsam: Einen unerschütterlichen Glauben an Gott, einen unerschütterlichen Glauben an Jesus Christus. Und diesen einen Glauben an Gott in der Person Jesu des Johannes des Täufers und des Johannes des Evangelisten konnten wir im heutigen Evangelium hören.

Von dem heutigen Evangelium wollen wir uns aber jetzt nur zwei Sätze ansehen, den ersten und den letzten. Ganz am Ende berichtet der Evangelist, wie der Täufer bezeugt: „Er [,Jesus, ] ist der Sohn Gottes.“ Johannes der Täufer sagt es nicht, er bezeugt es, er legt Zeugnis ab. Er legt Zeugnis dafür ab, dass Jesus nicht nur ein großer Mensch ist, wie wir es heute immer wieder hören, sondern dass er Gottes Sohn und damit selber Gott ist: Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Johannes reduziert Jesus nicht auf einen großen Menschen. Johannes erkennt Jesus als Sohn Gottes und damit als Gott, wie er es schon im Evangelium des letzten Sonntags getan hatte, als er Jesus fragte: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ und wie er es schon Jahre früher getan hatte, als seine Mutter Elisabeth von Maria besucht wurde und er im Mutterleib hüpfte.

Wie der letzte Satz dieses Evangeliums, den wir uns gerade angesehen haben und der gerade in unserer heutigen Zeit so wichtig ist, ist aber auch der erste Satz herausragend, wo Johannes über Jesus sagt: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“, denn mit diesem Satz erkennt Johannes in Jesus nicht nur Gott, er gibt uns auch ein ganz wichtiges Gottesbild.

In einem Kommentar zum heutigen Evangelium können wir lesen: „das Wappentier Gottes [ist] schon vor Grundlegung der Welt nichts weiter als ein verwundetes Lamm. Das Lamm zeigt an, dass Gott, der Schöpfer, damit einverstanden ist, das erste Opfer seiner Schöpfung zu werden“. Das ist ein großartiges Gottesbild, denn Gott ist nicht dargestellt als die übermächtige Person, die herrscht, diktiert und alle müssen folgen, sondern Gott ist dargestellt als jemand, der sich der Verantwortung für seine Schöpfung bewusst ist und die Liebe zu dieser immer wieder zeigt. Gerade ist die Weihnachtszeit zu Ende gegangen, an Weihnachten ist Gott als kleines und verletzliches Kind zu uns gekommen und hat uns dadurch gezeigt, welchen Stellenwert und welche Freiheit wir haben und wie wertvoll wir für – und wie sehr geliebt wir von Gott sind.

Mit dem Satz „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ zeigt Johannes das Bild eines Gottes, der sich des Dreiklangs aus Freiheit, Verantwortung und Regelwerk bewusst ist, denn Freiheit kann nur in Verantwortung innerhalb eines Regelwerkes gelebt werden. Freiheit kann nur innerhalb eines Regelwerkes gelebt werden, das auch dem Anderen die Freiheit lässt. Ohne solch ein Regelwerk ist die Freiheit des Einen nur noch eine rücksichtslose Verhaltensweise für den Anderen; eine Verhaltensweise, die nur den Interessen des Ersteren folgt, eine Verhaltensweise, die nur noch die W√ľnsche des St√§rkeren durchsetzt. Gott ist sich des Dreiklangs aus Freiheit, Verantwortung und Regelwerk bewusst.

Gott hat in Freiheit gehandelt und uns geschaffen und Gott ist sich dabei seiner Verantwortung bewusst gewesen, ist einverstanden gewesen damit, das erste Opfer seiner Schöpfung zu werden. Deshalb hat er sich in seinem Sohn Jesus Christus der Welt ausgeliefert und sich kreuzigen lassen. Und Gott hat ein Regelwerk aufgestellt, dem er sich selber unterworfen hat. Darauf weißt Johannes hin, wenn er sagt: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ Wahrscheinlich hatte unser Bischof in seinem Hirtenwort letzte Woche, als er von „einer Welt bisher ungeahnter Freiheiten“ sprach, auch diesen Dreiklang aus Freiheit, Verantwortung und Regelwerk im Kopf gehabt.

Liebe Schwestern und liebe Brüder, natürlich bin ich diese Predigt wieder mit ein paar Menschen durchgegangen, bevor ich sie dann hier halte. Und an dieser Stelle hier hat man mir einstimmig gesagt: Hier mach Schluss! Das möchte ich nun auch machen, nicht aber, ohne ihnen noch die Lösung des Problems mit dem Namenstag meines Sohnes zu nennen. Als ich den ersten Entwurf dieser Predigt zu Hause vorlas, war auch Johannes dabei. Und plötzlich sagte er: „Papa, das ist doch überhaupt kein Problem: Ich feiere einfach zweimal im Jahr meinen Namenstag!“







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e-mail: Ulrich Franzke <diakon@franzke-bochum.de>